Kirche ohne Schablonen mit Kindern

DruckAktion zur EKD-Gesamttagung Kindergottesdienst 2014
Hintergründe – Texte – Informationen


Im Spannungsfeld von ästhetischer Bildung und Beschäftigung im Kindergottesdienst
Ein Diskussionsbeitrag

Was geschieht genau, wenn wir im Kindergottesdienst einen biblischen Text mit Kindern ästhetisch vertiefen?
Was kann der Kindergottesdienst leisten, um Kindern die Freiheit der Selbstgestaltung ihrer Annäherung zu einem biblischen Text erleben zu lassen?
Was geschieht eigentlich wirklich in den vielen Kindergottesdiensten an dieser Stelle?
Fragen, die mich und uns im Team beschäftigen.

Kreativität oder schöpferisches Handeln mit ästhetischen Medien

Ich unterscheide Kreativität vom schöpferischen Handeln.
Kreativität ist zunächst eine Fülle von Ideen, Möglichkeiten. Die Gabe, Dinge vielschichtig zu bewegen. Fakten umzukehren, Neuanfänge zu wagen. Lösungen zu verwerfen, um neue Zugangsweisen zu beschreiten.
Das Schöpferische unterscheidet sich für mich zum Kreativen in dem Potenzial, wirklich etwas Neues zu schaffen. Theologisch ist Gott der Schöpfer, wir sind seine Geschöpfe und können nicht selbst Schöpfer sein. Aber wir sind Cocreatores, Menschen, denen Gott Talente schenkt, selbst schöpferisch in Gottes Sinne tätig zu werden.
In der Kunst ist dieses Verständnis von ‚schöpferisch‘ aufgenommen.
Hier geschieht in einem künstlerischen Prozess etwas wirklich Neues, das über das Bekannte hinausweist. Das hat die Kraft, uns in der Betrachtung zu faszinieren, uns Fragen zu stellen. Es fordert uns auf. Es lässt uns staunen.
Es ist existenziell notwendig, dass wir selbstgestaltetes schöpferisches Handeln zu einem biblischen Text im Kindergottesdienst ermöglichen und fördern!
Kinder lernen mit allen Sinnen. Diese sinnliche Wahrnehmung ist Grundlage für die Entwicklung und Bildung des Kindes. Das, was unsere Kinder im Kindergottesdienst sinnlich erleben, was von ihnen aufgenommen und verarbeitet wird, bleibt Teil ihrer individuellen Lern- und Erfahrungsgeschichte.
Wir können nicht anders handeln, als diese Sinneserfahrungen vom Kind her zu denken.

Weisen der Sinnenswahrnehmung

Der Mensch besitzt fünf Sinne: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Dazu kennen wir den Temperatursinn, die Schmerzempfindung, den Gleichgewichtssinn und das Körperempfinden.

Sinneswahrnehmung geschieht beim Baby zunächst nur durch Wahrnehmung.
Erst im Verlauf der Entwicklung bildet sich ein Bewusstsein.
Die Sinneswahrnehmung wird mit einem Erlebnis oder einem Gefühl verknüpft und im Gehirn gespeichert. Dabei werden die verschiedenen Sinneseindrücke weiter verknüpft. Es entstehen Wahrnehmungssysteme.

Drei Weisen der Wahrnehmungssysteme können wir unterscheiden:

  • Über Fernsinn (Hörsinn und Sehsinn) erfahren wir etwas über die Welt außen, außerhalb des eigenen Körpers. Wir hören Stimmen, Geräusche, Töne und sehen Bilder von unserer Umgebung.
  • Über eigene Körpersinne spüren wir den Zustand unseres Körpers, aber auch, wie äußere Bedingungen auf unseren Körper einwirken.
  • Die emotionalen Wahrnehmungen (Zuwendung, Isolation, Liebe, Hass, Freude, Trauer, Vertrauen, Misstrauen, Glück, Unglück u.s.w.) zeigen uns etwas in den Beziehungssystemen, in denen wir leben.

Um in der Welt zu sein, benötigen wir alle drei Wahrnehmungsfelder, die sich zu einem komplexen System untereinander bedingen und miteinander in Beziehung stehen.
Je umfangreicher und vielfältiger diese Wahrnehmungsweisen gelebt und erlebt werden, desto eindringlicher werden unsere Vorstellungen, die wir aus unseren Wahrnehmungsweisen gewinnen.
Im Spiel beobachten wir Kinder, die ihre Vorstellungsbilder immer wieder neu inszenieren, nach der Spielregel: Was wäre, wenn ich es anders mache…?
Das gleiche geschieht in freien künstlerischen Prozessen. Auch hier werden Erfahrungsmuster unabhängig vom Entstehungszusammenhang verändert, neu kombiniert, ausprobiert, verworfen, neu gedacht und entdeckt. Dies geschieht allein aber auch im Austausch mit anderen Kindern.
Für den Kindergottesdienst – und nicht nur hier – bedeutet dies, ein großes Wahrnehmungsfeld zu bereiten, je vielfacher erlebbar, desto größer ist der innere Vorstellungseindruck. Für mich bedeutet dies, im Kindergottesdienst Räume für alle Wahrnehmungssysteme zu ermöglichen.
Das heißt Beteiligung des Kindes, sich in allen Richtungen einer schöpferischen Freiheit mit einem biblischen Text zu entfalten.
Was braucht ein Kind im Kindergottesdienst, um eine biblische Geschichte für sich zu vertiefen, zu erleben, zu gestalten, für sich auszudrücken und damit ihre Zusammenhänge, ihre Erfahrungen zu begreifen?

Sinnliches Erleben

Das meint eine Erfahrung mit allen Sinnen frei gestaltet, eigenständig entwickeltund zum Ausdruck gebracht.
Die Erfahrungen der Kinder, ihr Denken, ihre Fragen, ihr Verstehen kommt in vielen ästhetischen Ausdrucksformen sichtbar zu tage. Sie zeigen uns dies mit Bewegung, in ihren Spielen, mit ihrer Sprache, mit ihrem schöpferischen Tun, in Experimenten, in selbst gestalteten Objekten und Malereien.
Damit geben sie uns wertvolle Hinweise über ihre Individualität, über ihr Wesen, über das, was sie bedrückt, darüber, wie sie glauben, über ihr Interesse, über ihr sinnvolles Experimentieren, über ihre Suchbewegung.
Diese Wahrnehmung ist notwendig, nicht nur im Sinne einer wertschätzenden Zuwendung und Aufmerksamkeit, sondern auch im Sinne einer geistlichen Begleitung auf ihrer Sinnsuche und ihren Glaubenserfahrungen.

Schöpferisches Handeln braucht Raum, Zeit und andere Menschen

Kreativität kann man nicht machen, vielleicht auch nicht beibringen.
Man muss ihr den Raum geben, den sie benötigt. Man kann sie leicht stören, unterbrechen, ja sogar verhindern.
Der Prozess geschieht durch Inspiration, ist sensibel in seinen Phasen, wiederholt sich manchmal im nicht Weiterkommen, wird dann oft nicht weiter verfolgt, obwohl im Dahinter, Neuschöpfung erlebbar werden kann.
Schöpferisches Handeln benötigt immer Dialogpartner, Mitgestaltende mit ihrer Resonanz, mit positiver Verstärkung der Gestaltungsideen. Mut machende Begleitung auf dem Weg zu einer schöpferischen Neuentdeckung.
Dabei ist das Prozesshafte die wirkliche Erlebnis- und Erfahrungsebene, die wir unterstützen sollten. Gerade hier unterstützen wir die Tiefen einer Sinneswahrnehmung. Gestalterische Hingabe und Selbstversunkenheit im Schaffensprozess ist schützenswert. Da wo sie noch nicht in den Prozess gekommen ist, verhindern zu viele Anregungen einen solchen Prozess.
Innere Blockaden können ein Kind bei seinem Wirken hindern. Viele Kinder vertrauen ihren eigenen Impulsen zu wenig, lassen sich ablenken vom Gelingen anderer, stellen für sich zu hohe Ansprüche oder sind von unterstützendem Lob abhängig. Hier benötigt ein Kind unsere Achtsamkeit, Einfühlungsvermögen und sensible Stärkung, den eigenen Impulsen nach zu gehen.

Das Neue rüttelt

Lassen wir uns auf diese Prozesse ein, beschreiten wir als Begleitende immer wieder Neuland. Uns begegnen Ereignisse, die wir nicht eingeschätzt haben.
Schöpferische Prozesse führen zu unverhofften Ergebnissen. Wir stoßen an Grenzen unserer eigenen Vorstellungskraft und an unser Urteilsempfinden.

Das Neue ist immer das Fremde, von uns nicht erdacht. Eine Begegnung, die überrascht, die uns gefährlich wird, die unberechenbar ist.
Doch sie ist individuell geschehen und hat ihre Bedeutung in der Schaffenswelt des Kindes.
Wir brauchen Offenheit und Achtsamkeit für diese Situationen.
Ich muss mich fähig machen, Neues zu begrüßen!

Erfahrungsort Kindergottesdienst

Im Kindergottesdienst kommen verschiedene sinnliche Erfahrungen zusammen, die das Kind an anderen Orten (Schule, Sportverein, im eigenen zu Hause, etc.) nicht erlebt.

Der sakrale Raum – besonders die Kirche – bietet eine besondere Atmosphäre zum Aufnehmen von Stimmungen, gelebter Glaubensgeschichten, Spuren von Ritualen in Gemeinschaft erlebt, Stille. Verschiedene Orte wie Altar, Aufteilung des Raumes in Kreuzwege, Taufbecken, Gedenkorte, alte und neue Abbildungen biblischer Geschichte.
Die gemachten Erfahrungen im sakralen Raum sind besondere.
Schade, wenn Kindergottesdienste nicht mehr in diesen Räumen stattfinden!
Allein hier Orte von Kindern finden zu lassen, die sie ansprechen, die Fragen aufwerfen, die ihre Seelen berühren, fördert eine tiefe Begegnung mit ihren Glaubensvorstellungen und ihrer Lebenswirklichkeit.

Der Gottesdienst als lebendig gemachte Erfahrungen von Glauben verdichtet individuelle Erfahrungen zu eigenen inneren Bildern. Erzählte gelebte Glaubenserfahrungen von Menschen aus der Bibel vermitteln Nähe zum jetzt erlebten Erleben mit vielen Freiräumen, aber auch mit vielen Brüchen in ihrer Lebenswirklichkeit. Hier können biblische Geschichten Vertrauen und Glauben schaffen, Zuversicht und Freude, Annahme und Wertschätzung in einem freien Raum. Zuwendung zum eigenen Ich, Annahme durch Segen, Taufe und Abendmahl.

Die Begegnung mit einem biblischen Text

Kinder lieben Geschichten. Biblische Geschichten sind besondere, denn wir spüren durch sie, wie der Heilige Geist wirkt. Biblische Geschichten sind keine Märchen. Auch wenn diese zu Einsichten führen können.
Die Glaubenssphäre ist eine andere. Sie bewegt sich in Beziehung, in Beziehung mit Gott. Damit eröffnen sich ganz andere Wahrheiten. Es gibt ein DU.
Ein Gegenüber. Ansprechbar. Dialogfähig. Geheimnisse wahrend, aber bereit für Begegnungen und Entdeckungen.
Durch die Begegnung mit Menschen auf einer partnerschaftlichen offenen und wertschätzenden Art erlebt das Kind Zuwendung und Gemeinschaft. Hier muss keine Leistung erbracht werden. Hier ist Freiraum für Erfahrungen.
Diese Freiheit, die Gott uns schenkt, müsste sich auch in der Gestaltung des Gottesdienstes spiegeln: Beim Erzählen einer biblischen Geschichte und der ästhetische Vertiefung innerhalb einer Liturgie, die es ermöglicht, innerlich berührt zu sein.
Wir müssen uns sehr genau fragen, was wir wie und mit welchen ästhetischen Mitteln im Kindergottesdienst umsetzen.
Das gilt auch für andere Gottesdienste. Gebe ich dem Kind den Freiraum, zu hören, aufzunehmen, eigene Gedanken, Bilder und Vorstellungen zu entwickeln, die schöpferisch zum Ausdruck kommen, oder gebe ich dem Kind eine Beschäftigungszeit mit Ausschneidebögen, Schablonen, von uns vorgefertigten Figuren u.ä.?

Vorgefertigte Schablonen mit aufgemalten Linien auf einem Tonpapier, die die Kinder dann ausschneiden sollen und zu einer Figur zusammenfügen dürfen,- eventuell noch eine Verschönerung durch anderes Material anfügen können, reduzieren die kindliche Schöpfungskraft und ihren eigenständigen Gestaltungswillen auf das Minimum.
Wir schaffen hier keinen Freiraum für selbstbestimmte schöpferische Bewegung. Eigene Gestaltungsideen können nicht ausgeführt werden. Die Freiheit für die eigene Auseinandersetzung wird von uns zu einem bloßen Tun ohne innere Beteiligung eingeschränkt und durch die Vorgabe nicht zugelassen.
Das gleiche gilt für Ausmalbilder, Kopien von Figuren, die dann mit Buntstiften farbig bemalt werden sollen. Schlimmer noch, wenn wir auch noch die auszumalenden Felder mit Hinweisen versehen, welche Malfarbe für das entsprechende Feld zu benutzen ist.
Mit diesem Vorgehen verhindern wir Begegnung mit dem Schöpferischen.
Wir verhindern die eigenständige Suchbewegung des Kindes zu den Inhalten der biblischen Geschichte. Wir beschäftigen eine Zeit die Gruppe und sind froh, dass alle das Geforderte umgesetzt haben. Anschließend beloben wir auch noch ihr Tun, als ob die Ausführung eine großartige Tat war.
Sie ist es nicht. Es ist eine kümmerliche Fehleinschätzung zur kindlichen Gestaltungskraft und verliert sich in einfachen vorgegebene Formen und Handlungen.
Damit degradieren wir das Kind zum ausführenden Objekt.
Der Prozess ist nicht auf Entfaltung sondern auf Ausführung bedacht.
Das Ergebnis unterscheidet sich nicht viel von anderen. Individualität kann hier nicht entstehen. Die eigene Wertschätzung verliert sich, weil kein innerer Prozess zum biblischen Text entstanden ist.
Dabei geschieht noch ein Weiteres: Manche Kinder können die vorgegebenen Linien gar nicht nachschneiden. Oder sie übermalen die Ränder der vorgegebenen Linien mit ihren Buntstiften.

Das führt zu weiteren Enttäuschungen. Die gestellte Aufgabe wird nicht in dem vorgegebenen Rahmen erfüllt.
Folge ist eine Unzufriedenheit bis hin zu einer Aufgabe mit Traurigkeit.
Das alles passt nicht zu einem Gottesdienst, der doch gerade vermitteln soll:
Du Kind bist mit deinen Möglichkeiten, mit deiner Kreativität, mit deiner Selbstbestimmtheit, mit Deiner Schöpfungskraft, mit deinen Fehlern, mit deinem Potential und deinen Grenzen von Gott geliebtes Geschöpf.

Kinder wehren sich nicht

Ihre Spiel- und Beschäftigungsantriebe sind ihr Motor für das Begreifen ihrer Welt. Ihre Phantasie und Kreativität ist beeindruckend vielseitig. Sie experimentieren, verwerfen, suchen neue Ansätze, finden Lösungen, die manchmal spektakulär sind und erstaunen.
In ihrem Tun reflektieren sie nicht nach sinnvoll oder sinnlos. Sonst würden sie jede Schablonentätigkeit ablehnen. Das ist die Gefahr in der wir uns befinden: Schablonen: ‚Ja, alle Kinder haben uneingeschränkt mitgemacht.‘
Auch die Ausmalbilder nehmen sie natürlich an. Sie bringen sich selbst in Konkurrenz zu den anderen Anwesenden und treiben sich in solchen Bastelsituationen selbst an. Der uneingeschränkte Zuspruch der Kinder täuscht unser Handeln. Was wollen wir denn eigentlich im Kindergottesdienst? Was suchen wir mit den Kindern? Wollen wir Ausführende unserer Formvorgaben?

Mögliche Gründe für den weitverbreiteten Einsatz von Schablonen und Ausmalbilder

Keine ausreichende Vorbereitungszeit für den Kindergottesdienst
Unsere Zeit ist begrenzt. Unsere Tätigkeit als Ehrenamtliche/r ist freiwillig und unterliegt immer den notwendigen Alltagsgegebenheiten.
Viel Zeit für die Vorbereitung gibt es oft nicht. Da sind Schablonenbeschäftigungen eine ‚passende Methode‘. Allerdings ist es sehr zeitaufwendig, Schablonen für 20 Kinder vorzubereiten. So kommt es vor, dass 20–30 Schablonen aus mehreren Teilen eine lange Zeit der Vorbereitung verbrauchen.
Diese Zeit sollten wir lieber den Kindern für eine eigene gestalterische Begegnung schenken.

Ausmalbilder und Schablonen dienen dem Füllen von Beschäftigungszeit im Kindergottesdienst
Viele Kindergottesdienste dauern 2–3 Stunden, wenn sie monatlich gefeiert werden. Eine lange Zeit, um eine Kindergruppe zu beschäftigen. Ja, da muss man sich etwas einfallen lassen. Leider führt das zu vielen Beschäftigungszeiten der Kinder. Diese unterbrechen auch oft die liturgische Gesamtkonzeption eines Kindergottesdienstes.
Vielleicht sollten wir unsere Kindergottesdienste dahin reflektieren und diese Beschäftigungszeiten entweder streichen oder mit textvertiefenden Einheiten qualifizieren.

Bastelvorlagen sind weit verbreitet und füllen einen riesigen Konsummarkt aus.
Fast in jeder Zeitschrift begegnen wir irgendwelchen Bastelvorlagen auf Kinderseiten. Ganze Ketten von Firmen füttern den Bedarf mit passenden Materialien. Bastelbücher gibt es massenweise.
Die Suche nach einem passenden Bastelobjekt ist aufwendig. Jeder Fund, der umgesetzt wird, ist verbraucht. Die Nachfrage ist groß, obwohl ich beobachte, dass sich immer mehr Anleitende zu einem selbstgestalteten Tun in einem Freiraum der schöpferischen Prozesse orientieren.

Es gibt keine eigenen Ideen für eine Textvertiefung
Eine Textvertiefung ästhetisch zu gestalten ist eine Kunst, die nur durch eigene Suchbewegung entfaltet werden kann. Suchbewegung heißt für mich, nicht die erste Gestaltungsidee ist die beste.
Ich mache mich auf die Reise in den Textraum. Beginne mit den Worten zu spielen. Hinterfrage die Bedeutungen, die innere Tiefe eines Textes. Ich befrage den Text nach seinem stimmigen Material.
Dazu bedarf es eines Prozesses der eigenen Vertiefung. Nur so kann auf der Wiese der vielen Möglichkeiten, die wir durch diesen Prozess entfalten, eine Verdichtung geschehen.
Dann wird Kindergottesdienst ein Prozess des Erlebens im Text innerhalb einer liturgischen Form.
Diese eigene Vertiefung kann im Kindergottesdienstteam geschehen, wenn man sich dafür Zeit nimmt. Der Prozess kann auch im eigenen Zuhause wirken.
Aber er braucht seine Zeit! Er braucht Austausch untereinander.
Sichtbar machen, was man selbst erlebt hat bei seiner Reise durch den biblischen Text.

Furcht vor der Ungewissheit, wie Kinder die Inhalte ästhetisch gestaltend vertiefen
Ich erlebe viele Kindergottesdienste in den Phasen der ästhetischen Vertiefung ergebnisorientiert. Es muss unbedingt ein Produkt erstellt werden.
Damit wird der Kindergottesdienst zu einer Bastelstunde mit einem sichtbaren Ergebnis.
Hier spiegelt sich unsere gesellschaftliche Situation wieder, produktorientiert zu leben. Auch die Lernkonzepte gehen dahin, gute Ergebnisse zu bewirken. Oft erlebe ich in Kindergottesdiensten dazu eine Art von Wissensabfrage, nach dem Motto: Was habt ihr heute gelernt?

Kindergottesdienst ist keine Bastelstunde und keine Schule.
Kindergottesdienst ist ein Raum, wo Kinder Erfahrungen, eigene Prozesse mit einem biblischen Text begehen. Nehmen wir die innere Bewegung der Kinder wahr, entdecken wir viel mehr beeindruckende innere Vertiefung des Kindes zu einem biblischen Text.
Dieser Prozess, der sich in jedem Kindergottesdienst wiederholen kann, schafft Erweiterung und Glaubenserfahrung. Dieser Prozess bildet und sollte unser Ziel sein.
Wenn dann am Ende eine ästhetisch beeindruckende Gestaltung einer Auseinandersetzung des Kindes mit dem biblischen Text sichtbar wird, ist es zusätzlich ein Hinweis, dass der Prozess tiefere Schichten der Lebens- und Glaubenswirklichkeit des Kindes durchzogen hat.

Neuorientierung

Richten wir den Fokus auf das große Potenzial sinnlicher Wahrnehmung, damit eine neue Vielfalt der Eindrücke, innerer Bewegung, selbstgestalteten Ausdruck die Ergriffenheit und die Tiefe eines biblischen Textes in all seinen Facetten Raum erhält.
In dem Kinder sich mit ihren sinnlichen Fähigkeiten einlassen auf Entdeckungen, entwickeln sie auch ein Gespür für Feinheiten, Tiefen und Unterschiede.
Sie begegnen dem Text auf ihre Weise. Nicht auf unsere. Sie erhalten die Chance, selbstbestimmt im Textraum zu agieren und sich von ihren Zugängen faszinieren zu lassen. Hier entstehen tiefe Eindrücke im unermüdlichen Untersuchen des Stoffes.
Friedrich von Schiller prägte den Begriff von ‚Seelenbildung‘ als eine Funktion, schöpferischer Prozesse. Seelenbildung ist mehr als Herzensbildung.

Seelenbildung schließt Empathie und Wesensbildung mit ein. Die Seele, der Ort für Gefühl, Dialog, innerer Gleichklang, inneres Schwingen, innere Bewegung, Sehnsucht und Vertrauen.
Ästhetische Selbstbestimmung in einem schöpferischen Prozess der Annäherung an biblische Texte findet hier ihren Platz als kreative Kraft, die in die Persönlichkeitsbildung und Glaubensbildung tief hineinwirkt.
Kinder erfahren etwas über die Welt, in der sie sich zurechtfinden müssen, über Glaubenserfahrungen, die wir ihnen nahe bringen wollen.
Dabei erfahren sie, dass sie Grenzen überwinden können, erfahren etwas vom Rhythmus des Lebens, erfahren Beziehungen. Sie bilden eine Gemeinschaft im Sinne der Seelenbildung.
Da, wo sie sich berühren lassen, entwickelt sich Empfindsamkeit, spürende Resonanz, Offenheit und Gemeinschaft.
So entwickelt sich langsam Glaubensvertrautheit, die Vorstellungen von Gott in dieser Welt werden aktualisiert. Damit wächst Verständnis, was Glauben für sie in ihrer Lebenswirklichkeit bedeuten kann.
Mit dem Verständnis bildet sich auch das Mitteilen darüber aus. Sie werden sprachfähig. Sie können theologisieren. Sie äußern ihre Vorstellungen.

Literatur

Schiller, Friederich v.. Über Anmut und Würde (1793). Werke in drei Bänden. Band 2. München 1966
ders. Über die ästhetische Erziehung. München 1967
Cameron, Julia. Der Weg des Künstlers. Knaur-Verlag 1996
TPS Theorie und Praxis der Sozialpädagogik. Friedrich Verlag / Velber. 9-2013

Tagebuch

Ausmalanleitungen und Ausschneidebögen sind so verkehrte Anweisungen zu einer ästhetischen Gestaltung im Kindergottesdienst, wie ein Gebot für Erwachsene, nur noch schwarzweiß karierte Hemden und Blusen zu tragen.

© Bernd Hillringhaus. Aus: KIMMIK 1-2014, Die Fachzeitschrift für Kirche mit Kindern, Arbeitsbereich
Kindergottesdienst im Michaeliskloster Hildesheim
http://www.michaeliskloster.de/kindergottesdienst/material/KIMMIK.php